Weshalb Vergänglichkeit gut und wichtig ist

Vergänglichkeit oder auch Unbeständigkeit ist eine der drei Daseinsmerkmale, welche ich in der Rechten Erkenntnis bereits kurz angeführt habe. Diesmal widme ich mich ein wenig ausführlicher diesem aus meiner Sicht wesentlichen und interessanten Thema.

 

Kerngedanke dabei ist, dass sich alles wandelt und nichts von ewigem Bestand ist.

 

Als ich mich die ersten Male mit Vergänglichkeit beschäftigte, empfand ich ein unangenehmes Gefühl. Der Grund dafür war, dass ich vor allem einen Aspekt im Blickfeld hatte - den Verlust.

 

Sich mit Vergänglichkeit auseinander zu setzen bedeutet auch sich mit dem Thema Tod zu beschäftigen. Nicht nur den eigenen, sondern auch den von geliebten Menschen. Obwohl wir uns dem bewusst sind, verdrängen wir dieses Thema gerne. Wahrscheinlich auch deswegen, hatte ich ein unangenehmes Gefühl, wenn ich an Vergänglichkeit dachte.

 

Neben dem Tod gibt es aber auch andere Arten von Verlust. Ein Ende von Beziehungen, materielle Dinge, welche kaputt werden, schöne Zeiten die zu Ende gehen. Es gibt vieles, was wir festhalten wollen.

 

Doch so gerne wir das auch tun würden, alles wird zu Ende gehen - hört sich doch schlimm an, oder?

 

Vielleicht, wenn wir es nur von diesem Aspekt aus betrachten. Aber da gibt es noch andere.

 

Es gibt auch Zeiten, Emotionen, Dinge, welche wir gerne "weghaben" wollen - Schmerzen zum Beispiel. Auch dieses hat mit Vergänglichkeit zu tun. Und da auch jene unangenehmen Sachen vergänglich sind, können wir daraus Hoffnung und Zuversicht schöpfen.

 

Das aus meiner Sicht wesentlichste ist aber, dass ohne Vergänglichkeit keine Entwicklung und auch kein Wachstum möglich sind. Etwas was immer den gleichen Bestand hat, kann sich nicht ändern.

 

Wie wäre aus Dir ein Mensch geworden, wenn alles unvergänglich wäre? Wie würde aus einem Apfelkern ein Baum wachsen können? Gar nicht. Vergänglichkeit bedeutet auch Veränderung und Entwicklung.

 

Ohne Vergänglichkeit wäre ein bestimmter Augenblick eingefroren. Nichts ändert sich mehr. Aber alles kommt und geht - Tag und Nacht ebenso wie Gespräche, Emotionen, Gedanken, Einstellungen, Sichtweisen, … Stelle Dir nur vor, das wäre nicht der Fall - kein schöner Gedanke, oder?

 

Selbst wenn ich darüber nachdenke, dass zwar alles um mich herum vielleicht vergänglich sein soll, aber ich als Mensch unsterblich, empfinde ich ein ungutes Gefühl. Weshalb?

 

Stelle Dir vor Du bist unsterblich, Du wirst unendlich lange Leben. Du wirst wohl alles tun, was Du willst. Du bereist die Welt, lernst alles was Du willst, lernst jeden kennen, erlebst alles was möglich ist… . Aber irgendwann, wenn Du nur lange genug gelebt hast, wirst Du alles unzählige Male getan haben. Es wird nichts neues mehr geben. Nichts wird mehr aufregend sein. Die Lust, die Du bei gewissen Dingen vielleicht noch am Anfang und bei den ersten hunderten Malen hattest, wird irgendwann vergehen.

 

Aber vielleicht wirst Du zuerst gar nicht allzu viel tun. Wieso? Weil Du ja unendlich genug Zeit hast. Der Wert einer Sache bemisst sich mitunter meist durch den Mangel. Unendlich viel Zeit - da wird Zeit bedeutungslos. Du kannst alles für Dich wesentliche in die Zukunft schieben. Du versäumst ja nichts. Aber in meinen Gedanken endet es immer auf dieselbe Weise, irgendwann bist Du es wohl leid - irgendwann wirst Du wohl nur noch einen Wunsche haben - weil Du alle anderen Wünsche bereits erfüllt hast - nämlich zu sterben.

 

Und das ist es gerade. Durch die Vergänglichkeit und Unbeständigkeit können wir erst die Dinge wertschätzen. Wir müssen uns bemühen. Es ist oder sollte nichts als selbstverständlich angesehen werden. Weder unser Leben, unsere Gesundheit, noch die frische Luft die wir atmen. Die Natur, Beziehungen mit anderen. Erst durch die Vergänglichkeit und Unbeständigkeit gewinnen diese Dinge an Bedeutung.

 

Wir können uns nicht sicher sein, dass es so bleibt. Und weil wir uns nicht sicher sein können, sehen wir es als nicht selbstverständlich an. Weil wir es nicht als selbstverständlich ansehen, können wir es wertschätzen.

 

Und welchen Schluss ziehe ich jetzt daraus?

 

Ich mag die Unbeständigkeit mittlerweile. Der "negative" Aspekt dabei - Verlust - gehört ebenso dazu, wie bspw. die "positiven" des Wachstums und der Entwicklung.

 

Jetzt gilt es zu lernen mit Verlust umgehen zu können. Nicht anhaften oder loslassen können, sowie Gleichmut sind die buddhistischen Antworten darauf.

 

Aber auch das Lernen von Wertschätzung für die oft als selbstverständlich angesehenen Dinge, die oft auch unscheinbar sind, gehört dazu.

 

Und genieße jeden Sonnenaufgang. Lasse Dich überraschen, was Dir dieser neue Tag bringt.

 

(08.01.2016)


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