Rechte Erkenntnis

Rechte Erkenntnis (Sichtweise, Ansicht, Einsicht) ist das 1-ste Glied des „Edlen Achtfachen Pfades“. Dieser Pfad ist jener, von dem der Buddhismus behauptet, er führe zur Erlösung von jeglichem Leid.

 

Du bist Dir nicht sicher, ob das stimmt?

 

Sehr gut! Das ist schon ein wünschenswerter Anfang!

 

 

Prüfe es

 

Egal was Du hier liest - oder irgendwo anders. Egal was Dir erzählt wird, prüfe es selbst. Prüfe es in Deinem Erleben, in Deiner Welt. Übernehme nichts ungeprüft, allerdings bringe so viel Vertrauen auf, dass Du bereit bist es auszuprobieren.

 

Sei bereit für Experimente. Öffne Deine Sichtweisen, Gedanken und Einstellungen.

 

Wofür?

 

Um möglichst nahe an eine „objektive“ Realität zu kommen. Möglichst nahe, weil der Buddhismus aus meiner Sicht nicht von der „objektiven“ Realität ausgeht, zumindest nicht, solange man nicht erleuchtet ist :-)

 

Ich bin nicht erleuchtet und schätze Du auch nicht. Und da es in diesem Blog um die Anwendung von buddhistischen Themen im Alltag geht, starten wir von dort wo wir stehen.

 

 

Ungefärbtes Wahrnehmen

 

Rechte Erkenntnis bedeutet vor allem, dass wir Dinge, Erlebnisse so wahrnehmen wie sie sind. Anders ausgedrückt: Erkenne die Tatsachen. Möglichst ungefärbt von unseren aktuellen Einstellungen, Gefühlen, Glaubenssätzen,… . Gar nicht so leicht aus meiner Sicht.

 

In unserem Alltag sind wir regelmäßig mit Gefühlen wie Liebe, Ärger, Angst, Langeweile, … konfrontiert. Diese haben - Überraschung – Einfluss auf unsere Sichtweise. Es geht also darum einen Blick zu kultivieren, der möglichst unabhängig von unseren Wollen und Nicht-Wollen ist. Ein realistisches Bild zu malen oder betrachten. So wie es ist, nicht wie es sein oder nicht-sein sollte.

 

Obwohl gänzlich ohne irgendwelchen zusätzlichen Gefühlsfärbungen wird es wohl nicht gehen. In einem ersten Schritt gilt es diese Färbungen zu erkennen. Damit relativiert sich der Einfluss auf unser Sichtweise.

 

Gerne halten wir (zwanghaft) an Sichtweisen fest, welche uns ein gewisses Maß an Sicherheit geben. Besonders ausgeprägt scheint hierbei die Annahme der Beständigkeit der Dinge, Gedanken, Gefühle,... zu sein (siehe unten Vergänglichkeit/Unbeständigkeit).

 

Solche Glaubenssätze gilt es zu hinterfragen. Auch wenn das im Moment ein gewisses Maß an Unsicherheit in sich birgt.

 

Um den Einfluss von aktuellen Gefühlen zumindest ein wenig zu reduzieren empfiehlt es sich zu meditieren. Damit können Gedanken und Gefühle als das gesehen werden, was sie sind. Aufsteigende Wellen, die kommen und gehen.

 

Bei regelmäßiger Meditation können diese Wellen reduziert werden. Dies wird vor allem in der rechten Sammlung im achtfachen Pfad behandelt.

 

Aber Du hast vielleicht auch schon mal folgendes erlebt: Es gab und gibt Situationen bei mir und auch bei anderen Personen mit denen ich gesprochen habe, bei welchen man irgendwie einen Schritt zurück tritt. Aus der Situation heraustritt. Vielleicht sogar schwebend sich selbst in der Situation sieht. Sich die Situation von oben, von einer anderen Perspektive ansieht. Weniger involviert ist, mit ein wenig mehr Abstand.

 

Sieht dann die Situation nicht anders aus? Öffnet das nicht den Blick? Sind Emotionen in diesem Augenblick nicht weniger mitreißend?

 

 

Vier edlen Wahrheiten

 

Bei der rechten Erkenntnis geht es vor allem auch um das Beschäftigen mit den Vier Edlen Wahrheiten. Es geht darum, diese auf die eigene Erfahrung und das eigene Leben einzuordnen. Also dass

 

  • Leiden existiert
  • Ursachen für Leiden vorhanden sind
  • Ursachen für das Leiden behoben werden können und
  • der Achtfache Pfad, zum Überwinden des Leidens führt

 

Ich gehe hier jetzt nicht genauer darauf ein. Eine ausführlichere Erklärung zu den Vier Edlen Wahrheiten findest Du hier.

 

Aus meiner Sicht ist „Leiden“ ein sehr emotional starkes Wort. Es muss allerdings nicht das große Leiden sein. Es kann genauso als mentale Belastung oder Stress interpretiert werden. Jede Art von unangenehmen Gefühl.

 

Für die alltägliche Praxis würde ich am Anfang mit kleinen Dingen beginnen - also mit nichts Weltbewegendes. Beobachte zuerst einfach Kleinigkeiten, die Dich aus dem Gleichgewicht bringen. Sachen, bei welchen Du leicht unzufrieden wirst.

 

Das kann sein, wenn jemand in der 50er Zone vor Dir mit 30 km/h fährt. Jemand in der U-Bahn Dir auf den Fuß tritt. Jemand Dich ohne Grund anschnauzt. Du im Supermarkt ungeduldig in der Schlange stehst.

 

Bekomme ein Gefühl dafür, dass es auch möglich ist, dies gelassen zu sehen. Finde heraus, was genau Dich daran stört. Wenn Du das erkennst, ist es auch einfacher, darauf auf angemessene Weise zu reagieren. Auf eine Weise, die Dich nicht aus dem Gleichgewicht bringt, Dich nicht ärgerlich oder ungeduldig werden lässt.

 

 

Drei Daseinsmerkmale

 

Ein weiterer Aspekt der rechten Erkenntnis sind die drei Daseinsmerkmale:

 

  • Vergänglichkeit/Unbeständigkeit: Alles wandelt sich. Nichts ist von ewigem Bestand. Somit ist alles vergänglich oder unbeständig.

  • Leiden (Unzulänglichkeit): Weil sich alles wandelt, hat es leidhaftes Potential.

  • Ichlosigkeit / Nicht-Selbst: Es gibt nichts, dass einen unveränderlichen Wesenskern hat. Alles entsteht in Abhängigkeit von anderem. Du und Dein Selbst gehören auch dazu.

 

Wie geht es Dir mit diesen drei Daseinsmerkmalen?

 

Als ich mich das 1-ste Mal mit ihnen beschäftigte, war ich noch nicht so überzeugt davon. Und ich gestehe: Auch jetzt beschäftigt mich die „Ichlosigkeit“ von Dingen, Tieren oder Personen noch immer. Aber fangen wir vielleicht von vorne an…

 

 

Vergänglichkeit und Unbeständigkeit

 

Als Menschen werden wir geboren, altern und sterben auch wieder. Selbst Berge, Täler, Sterne, Sonnen und Galaxien entstehen, ändern sich und vergehen wieder – alles nur eine Frage der Zeit.

 

Für mich wesentlich interessanter ist allerdings, dass sich auch Gefühle, Einstellungen, Sichtweisen,… ändern. Wie oft dachten wir schon in unserem Leben, das wird immer so sein?

 

Manchmal versuchen wir verzweifelt an angenehmen Dingen, Situationen und Gefühlen festzuhalten. Oder umgekehrt: Wir befürchten, dass unangenehmes, leidhaftes ewigen Bestand hat. Dem ist aber nicht so. In diesem Zusammenhang gefällt mir folgender Spruch besonders:

 

„This too will pass!“

 

Auch das wird vorüber gehen. Diese Sichtweise hat für mich mittlerweile einen unheimlichen Charme. Selbst wenn es mir richtig schlecht geht, gibt es mir Zuversicht daran zu denken, dass auch das vorüber gehen wird. Umgekehrt nehme ich wunderschöne Dinge nicht als selbstverständlich an. Im Bewusstsein, dass auch das einmal vorbei ist, kann ich einzelne Momente richtig auskosten.

 

Und vor allem ist es eine gute Einführung in das Thema „Loslassen“. Wenn Dir bewusst ist und es auch annehmen kannst, dass nichts beständig ist, dann ist aus meiner Sicht der wichtigste Schritt in Richtung „Loslassen können“ getan.

 

 

Leiden

 

Da alles entsteht, sich ändert und wieder vergeht ist leidhaftes Potential vorhanden. Menschen werden geboren und sterben. Beziehungen entwickeln sich und zerbrechen. Situationen des Glücks und der Freude tauchen auf und vergehen wieder - ebenso wie Situationen des Leids.

 

Wir wünschen, wollen und begehren Angenehmes - Unangenehmes wollen wir nicht, lehnen es ab. Das Entstehen und Vergehen ist allerdings die "Natur der Dinge". Solange wir diese Erkenntnisse nicht durchdringen und uns darauf "einstellen", also unsere Beziehung zu Wünschen und Ablehnen nicht ändern werden wir leiden.

 

Oft zählt auch einfach nur das Maß. Ich liebe ja zum Beispiel Schokolade. Wenn mich jemand fragt, dann würde ich sagen, dass ich Schokolade richtig liebe :-) Allerdings ist es mir nicht nur einmal passiert, dass ich Schoko in mich hineinstopfte bis mir schlecht wurde. Auch hier wandelte sich das an sich für mich Gute zum Schlechten.

 

Ähnlich erlebe ich es mit Menschen die ich so richtig mag. Ich verbringe sehr gerne Zeit mit Ihnen. Aber meist gibt es einen Punkt an dem ich unruhig werde und wieder ein wenig Zeit für mich alleine haben will. Auch in diesem Sinne ist leidhaftes Potential selbst in an sich angenehmen Situationen und Dingen vorhanden.


 

Ichlosigkeit / Nicht-Selbst

 

Buddha sagte anscheinend weder, dass es ein Selbst gibt, noch dass es kein Selbst gibt.

 

Vielmehr scheint das Ich oder Selbst eine Eigenkonstruktion zu sein. Ein Prozess den wir immer wieder durchlaufen. Diese Konstruktion empfinden wir als stabil und unveränderlich, bestehend aus mentalen und auch physischen "Bestandteilen". Aber auch dieses Ich oder Selbst entsteht, wandelt sich und vergeht wieder, hat also keinen stabilen Wesenskern.

 

Ich ist eine Funktion der Psyche und ein gewisses Maß scheint für geistige Gesundheit notwendig zu sein. Es bietet eine Kontinuität im Erlebnisstrom, die Möglichkeit der (Selbst-)Reflexion. Es wäre ja schlimm würde man am Morgen in den Spiegel schauen und sich selbst nicht erkennen ;-)

 

Obwohl ich beim Thema Ichlosigkeit / Nicht-Selbst am Anfang, oder vielleicht mittendrinnen bin konnte ich folgende Konsequenzen erfahren:

 

  • Ich und mein trennt mich von der ursprünglichen Erfahrung. Es ist wie ein Filter der gewisse Sachen ausblendet und wiederum andere Sachen hinzufügt.

  •  Das Ich-Empfinden ist besonders stark, wenn ich etwas haben will oder etwas ablehne.

  • Sobald ich mich mit Gedanken und Emotionen identifiziere, fällt es mir schwerer diese los zu lassen.

 

  • Unabhängig ob ich Körper, Gedanken und Gefühle als "mein" ansehe, ich habe oft keinen Einfluss darauf.

 

  • Je ausgeglichener ich bin, desto weniger Ich-Empfinden ist da.

 

Insofern sehe ich die Ichlosigkeit, die Sichtweise des Nicht-Selbst, als eine Strategie um nicht anzuhaften, um einfacher Loslassen zu können und mich mit Erlebten nicht so sehr zu identifizieren.

 

Versuche mal, wenn Dich jemand schräg anspricht, mit Dir schimpft oder anschreit, Dich nicht damit zu identifizieren. Manchmal hilft schon alleine der Gedanke: „Das ist sein/ihr Ding, nicht meines“. Oder: Wow, hat der/die einen verdammt schlechten Tag“. Es ist unglaublich was für eine Wirkung das haben kann. Und diese Wirkung hat es mitunter, weil Du Dich nicht damit identifizierst. Wenn da kein stabiles Ich oder Selbst ist, was den Drang hat sich zu verteidigen, ist die Situation einfacher zu nehmen.

 

 

Bedingtes Entstehen und Ursache-Wirkung

 

Nichts entsteht aus sich selbst heraus. Alles ergibt sich aus einem Ursachen-Wirkungs-Komplex. Alles entsteht in Abhängigkeit. Die Trennung von Subjekt und Objekt - bspw. Ich und Andere - ist ein Prozess unseres Selbstgefühls.

 

Im engeren Sinn wird unter bedingtem Entstehen im Buddhismus die 12-gliedrige Kette des bedingten Entstehens verstanden.

 

Für meine buddhistische Praxis schaue ich was hinter (sozialen) Situationen steht. Wie Gefühle des Ablehnens und des Wollens entstehen.

 

Dies ist aus meiner Sicht einer der wesentlichen Grundlagen des Verstehens. Jeder Gedanke, jede Emotion, jedes Wort und jede Tat hat Auswirkungen. Manchmal hat es unmittelbare Folgen, manchmal dauert es länger.

 

Ich war neben meinen Beruf ca. ein Jahr lang an jedem 2-ten Samstag sozial engagiert. Ich habe für ehemalige Häftlinge gekocht. Dabei gab es einige interessante Gespräche. Was ich da tlw. von ihrer Kindheit gehört habe, wie mit ihnen umgegangen wurde, war unfassbar. Und ich fragte mich: Wäre mir das passiert, wäre ich auch auf die „schiefe“ Bahn gekommen?

 

Ich denke, manche hatten aufgrund des sozialen Umfeldes kaum eine Chance. Ich möchte ihnen damit nicht jegliche Selbstverantwortung absprechen. Allerdings ist für mich damit auch klar erkennbar, dass das soziale Umfeld enormen Einfluss hat. Und ich wäre nicht ich, wäre ich wo anders hineingeboren…

 

Aus diesem Grund hat aus meiner Sicht zurecht die buddhistische Ethik als Leitlinie einen hohen Stellenwert. Diese findet sich im Achtfachen Pfad im Bereich der Sittlichkeit (Rechte Rede, Rechtes Handeln, Rechter Lebenserwerb) aber auch in der Rechten Gesinnung und Rechtem Streben wieder.

 

Es ist wesentlich ob ein Gedanke, ein Wort oder eine Handlung als heilsam oder unheilsam erkannt wird. Was uns zum letzten Punkt führt.

 

 

Heilsames und Unheilsames

 

Die buddhistische Ethik (siehe oben) gibt hier einige Regeln vor, die aus meiner Sicht sehr einleuchtend sind. Schwieriger wird es in verschiedenen Situationen heraus zu finden, was heilsam und was unheilsam ist. Aus meiner Sicht ist hier ein hohes Maß an Selbstreflexion notwendig!

 

Eine meiner ersten Lehren hierbei war, dass ein schwarz-weiß Denken wenig hilfreich ist. Selten erscheint mir im alltäglichen Kontext ein Verhalten als nur heilsam oder nur unheilsam.

 

Als einfaches Beispiel fällt mir hier ein, dass wenn ein lieber Mensch sich besondere Mühe gibt, Dir etwas Gutes zu kochen. Leider schmeckt Dir das Essen überhaupt nicht. Was sagst Du dann, wenn Du danach gefragt wirst? Ein Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Nicht-Verletzen-Wollen entsteht.

 

Das führt mich zu meiner zweiten Lehre, die ich erfahren habe: Die Absicht, die hinter Gedanken, Worten und Handlungen stehen ist für mich wesentlich. Sofern diese von liebender Güte und Mitgefühl geprägt sind - sowohl für Andere Lebewesen als auch für mich selbst - bin ich in diesem Moment zufrieden.

 

 

Abschließend

 

Die Einsicht, die wir jetzt haben, entspricht vielleicht nicht der Einsicht, die wir nächste Woche oder nächstes Monat haben werden. Wir gehen voran und unsere Erkenntnis wird tiefer, umfangreicher. Wir erkennen mehr Zusammenhänge, die uns jetzt noch verborgen bleiben.

 

Was für uns heute als heilsam erscheint, kann sich in Zukunft wandeln. Wir erwerben neue Fähigkeiten, die sich in unseren Gedanken, Worten und Handlungen wiederspiegeln.

 

Offen bleiben für Neues. Vorstellungen, Einstellungen und Weltbilder hinterfragen. Sichtweisen erweitern. Unangenehmes annehmen können. Angenehmes loslassen können. Und vor allem Selbstverantwortung wahrnehmen.

 

All das bietet eine Chance für Entwicklung und Fortschritt in unserer alltäglichen Praxis.

 

Auf Deinem Weg wünsche ich Dir das aller Beste!

 

(20.07.2015)


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